Wie selbstverständlich redet man heutzutage in Deutschland vom 8. Mai 1945, also dem offiziellen Ende des 2. Weltkrieges, als "Tag der Befreiung". Dass dies unzweifelhaft, aber fast ausschließlich für die Menschen im Westen Deutschlands und Europas, sowie im Osten für die meisten Insassen der Konzentrationslager galt, zeigt das Buch „Tag der Befreiung?“ von Hubertus Knabe in eindrücklicher Weise.
Der Autor schildert, wie im Einflussgebiet der Sowjetunion ein Gewaltsystem nahtlos durch ein anderes ersetzt wurde. Auch Menschen, die das Ende des Nationalsozialismus herbeigesehnt und die sowjetischen Truppen willkommen geheißen hatten, wurden oft bitter enttäuscht. Jüdische Frauen, die während des Dritten Reiches untergetaucht waren und sich nach dem Einmarsch der "Russen" erneut verstecken mussten, um Vergewaltigungen zu entgehen, Kommunisten und Demokraten, die kurz nach ihrer Befreiung aus den Konzentrationslagern wieder dort landeten - zum Teil im selben Lager - sowie sowjetische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die zunächst von ihrer eigenen Regierung noch einmal eingesperrt und zur Zwangsarbeit verpflichtet wurden, gehörten zu den Menschen, die damals wie heute als "Befreite" galten.
Während sich die Westalliierten in ihrem Machtbereich um eine Aufarbeitung der NS-Verbrechen und ein gewisses Maß an Rechtsstaatlichkeit bemühten, sahen sie fast tatenlos zu, wie in der sowjetischen Zone bis in die fünfziger Jahre wahllos Menschen festgenommen, verschleppt, gefoltert und umgebracht wurden. Auch Kinder und Jugendliche wurden nicht verschont. Den Massenvergewaltigungen fielen nicht allein deutsche Frauen und Mädchen (bis ins Kindesalter) zum Opfer, sondern auch sowjetische Zwangsarbeiterinnen, die nach der Stalinschen Ideologie als „Verräter“ galten, da sie den Deutschen lebend in die Hände gefallen waren, statt sich umbringen zu lassen.
Das Buch räumt mit der von vielen gehegten Illusion auf, die Menschen im Osten wären tatsächlich "befreit" worden. Dass dies keineswegs so war, zeigen die zitierten Augenzeugenberichte und auch inzwischen zugänglich gemachte Dokumente der ehemaligen Sowjetunion mehr als deutlich. Bei Gedenkfeiern zum „Tag der Befreiung“ sollte daher auch dieser Menschen gedacht werden, an denen die Befreiung spurlos vorüberging und die lediglich vom Regen in die Traufe kamen!
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