Mittwoch, 20. Juni 2012
Eva schläft von Francesca Melandri - Rezension
In dem Roman geht es um die Lebensgeschichte von Gerda Huber und ihrer Tochter Eva. Die Geschichte der beiden Frauen und ihrer Familie bildet den Rahmen für ein wesentlich interessanteres und spannenderes Thema: die Geschichte Südtirols und seiner Bewohner.
Die Autorin springt mit jedem neuen Kapitel von der Vergangenheit in die Gegenwart und wieder zurück. Die Kapitel der Gegenwart beschreiben in der ersten Person Evas Bahnreise in den Süden Italiens, wo sie einen Mann treffen möchte, der einmal der Liebhaber ihrer Mutter war und den sie als ihren Ziehvater betrachtete, bis er aus „Staats- und Familienräson“ die beiden verließ. Dabei erinnert sie sich an Ereignisse aus ihrer Kindheit. Die Kapitel der Vergangenheit sind dagegen in der dritten Person verfasst und beginnen im Jahr 1919, als Südtirol von den Siegermächten des ersten Weltkriegs an Italien gegeben wurde und die Unterdrückung der deutschsprachigen Minderheit und die Zwangsitalianisierung begann. Schonungslos und keineswegs einseitig beschreibt die Autorin, die selbst Italienerin ist, aber in Südtirol aufwuchs, anhand der Geschichte der Familie Huber und anderer Personen, wie man versuchte, mit diesen Zwangsmaßnahmen umzugehen – oder ihnen zu entgehen.
Das Buch ist sehr flüssig geschrieben und spannend zu lesen, wobei ich persönlich die Gegenwartskapitel, die jedoch im Verlauf des Buches glücklicherweise immer kürzer werden, fast als überflüssig empfand. Sie wirkten auf mich wie unwillkommene Werbeunterbrechungen während eines spannenden Films – auch wenn sie streckenweise ganz kurzweilig sind, wartet man doch nur darauf, dass es mit dem eigentlichen Film weitergeht. Dabei haben die Beschreibungen der Mitreisenden und der Landschaft durchaus ihren Unterhaltungswert. Das Thema der erfolgreichen Geschäftsfrau mit ihrem verkorksten Liebesleben inklusive unvermeidlichem verheiratetem Dauerliebhaber und in heutigen Geschichten fast ebenso unvermeidlichem homosexuellem „besten Freund“ (in diesem Fall ist es ein Cousin) ist jedoch zu ausgelutscht, als dass es noch interessant wäre.
Dagegen läuft die Autorin in den Kapiteln über die Vergangenheit zur Höchstform auf. Die Geschichte der jungen Gerda und ihrer Familie wird immer wieder unmittelbar von der Geschichte Südtirols beeinflusst. Gerdas Vater, ein Waisenjunge, der bedingt durch die italienischen Misshandlungen erst zu einem Kollaborateur der italienischen Faschisten, dann zu einem Anhänger der deutschen Nazis und in der Folge zum Außenseiter wird und später kaum Verantwortung für seine Familie übernimmt, prägt schließlich auch das Leben seiner Tochter – spätestens als er sie, noch minderjährig, fortschickt, um in einem Hotel zu arbeiten. Die jungen weiblichen Hilfskräfte in der Gastronomie wurden nicht ohne Grund als „Matratzen“ bezeichnet und letztlich endet auch Gerda mit einem Kind, dessen Vater, der Sohn eines ehemals armen Bauern, der zum Hotelbesitzer und Skiliftbetreiber aufgestiegen ist, von seinem Vater daran gehindert wird, sie zu heiraten. Von ihrem eigenen Vater wird sie endgültig vor die Tür gesetzt. Gleichzeitig betätigt sich einer ihrer Brüder als Terrorist, der versucht, die Italiener mit Gewalt aus Südtirol zu vertreiben. Ihr italienischer Liebhaber, der Polizist Vito, darf sie schließlich genau aus diesem Grund nicht heiraten.
Diese Kapitel des Romans, die den Hauptteil ausmachen, sind fesselnd geschrieben und man ist nach jedem Kapitel gespannt, wie es weitergeht. Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Buch, das durch eine klare Sprache besticht und es daher dem Leser erspart, sich mit einem „nobelpreisverdächtigen“ Stil herumzuschlagen, was das Lesen sehr angenehm macht.
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1 Kommentar:
Ich bin ein riesiger Fan von Francesca Melandri und "Eva schläft" ist eines meiner Lieblingsbücher von ihr. Mir ging es ebenfalls bei der Lektüre wie dir: die Gegenwartskapitel waren mir irgendwann einfach zu viel. Ich wollte viel lieber wissen wie es in der Vergangenheit weitergeht. :D Wir haben für unsere Liste der Bestseller Bücher letztes Jahr ihr aktuelles Buch "Alle außer mir" rezensiert. Wenn du möchtest kannst du ja mal vorbeischauen, vielleicht ist ja was für dich dabei.
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